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17.09.08
Ellen Rachut und Siegfried
Rachut:
Folgen sexueller Gewalt
Verstehen
lernen – helfen lernen
Ulrike HELMER Verlag,
2004, 119 Seiten, ISBN 3-89741-141-5, ca.
9,95
€
www.ulrike-helmer-verlag.de bzw.
http://helmer.txt.de/Helmer/TXTSIArtikel/3-89741-141-5
Tipp: Klickt man den Namen der Autorin an, dann erscheint
ein kurzer
Lebenslauf.
www.rachut.de bzw.
www.rachut.de/?Lesungen:Verstehen_lernen%2C_helfen_lernen
Ihre Therapie hat Ellen Rachut im Buch "Durch dichte
Dornen"
beschrieben:
http://helmer.txt.de/Helmer/TXTSIArtikel/3-89741-213-6
http://helmer.txt.de/WebObjects.....161235.pdf
.........................................................................................................
Inhalte der
Rezension:
A: Kurzkritik
B: Ausführliche
Kritik:
1. Die
Autoren
2. Auf
was basiert das Buch?
3. An
wen richtet sich das Buch?
4. Inhalt
und Aufbau:
4.1 Teil
1: „Verstehen lernen“
4.2 Anmerkungen
4.3 Teil
2: „Helfen lernen“
4.4 Anmerkungen
5. Was
hat mir besonders gefallen?
6. Was
hat mir nicht gefallen?
7. Wie
ist das Buch geschrieben?
8. Wie
wirkt es auf Verbündete?
9. Wem
würde ich das Buch empfehlen?
C: Weiterführende
Gedanken und Fragen:
1. Der
Weg der Seele, Psyche
2. Die
Geduld
3. Die
Verbündeten-Rolle
4. Offene
Frage zum Schluss
Inhalte
A: Kurzkritik
„Folgen
sexueller Gewalt“ ist ein gutes, wertvolles, liebevoll
gemachtes, kleines Buch zum Thema sexueller Missbrauch.
Die
Zusammenhänge zwischen Kindheitstrauma und den Folgen werden
sehr verständlich dargelegt. Es werden nicht ausführlich
viele Aspekte beschrieben, sondern die Autoren konzentrieren sich
auf das Wesentliche.
Das Buch ist für den sanften,
vorsichtigen Einstieg ins Thema sexueller Missbrauch bzw. sexuelle
Gewalt bestens geeignet. Die Schwierigkeiten des Verstehens und
des Helfens werden verdeutlicht.
Erfreulich für
Verbündete: Siegfried Rachut beschreibt seinen persönlichen
Weg als Ehemann und „Helfer“. Er gibt wertvolle
Ratschläge für andere Partner.
B: Ausführliche
Kritik:
1. Die
Autoren
Ellen Rachut – Überlebende –,
Siegfried Rachut – verbündeter Ehemann
Ellen
Rachut hat über 40 Jahre lang den sexuellen Missbrauch
bzw. die sexuelle Gewalt verdrängt. Sie hat in dieser Zeit im
Leben „funktioniert“ (Ausbildung, Arbeit, Ehe, Kinder
etc.).
Sie fängt mit 52 Jahren eine Therapie an, da
die ersten Erinnerungen hochkommen. Nach Jahren der Aufarbeitung
kann sie schließlich von sich behaupten, dass sie geheilt
ist.
Siegfried Rachut muss sich nach 30 Jahren Ehe
mit der Tatsache vertraut machen, dass er Partner einer
Betroffenen ist – und dies auch schon immer war. Die großen
Probleme im sexuellen Bereich der Beziehung finden allerdings
endlich eine Erklärung.
Inhalte
2. Auf
was basiert das Buch?
Es sind vor allem die
persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse der beiden Autoren
verarbeitet. Zudem wurden die Erfahrungen von anderen Betroffenen
und verschiedene Literatur eingearbeitet.
3. An
wen richtet sich das Buch?
Es ist ein Hilfsangebot an
Überlebende und Verbündete.
4. Inhalt
und Aufbau:
Der Titel „Folgen sexueller Gewalt“
sagt bereits alles. Im Mittelpunkt stehen die vielfältigen
Probleme der Betroffenen. Das Ziel ist es, diese Schwierigkeiten
zu verstehen und als Verbündeter sinnvoll helfen zu können.
Teil
1: „Verstehen lernen“ von Ellen Rachut (S.
11-73)
Teil 2: „ Helfen lernen“ von Ellen und
Siegfried Rachut (S. 75-104)
Ich habe nachfolgend ein
großes Augenmerk auf den 2. Teil bzw. die
Verbündeten-Aspekte gelegt, obwohl sie im Buch nur etwa ein
Drittel ausmachen.
4.1 Teil
1: „Verstehen lernen“
Inhalt:
Ellen
Rachut erklärt zu Beginn die Bedeutung des Traumas und geht
auf die Folgeerscheinungen ein. Sie unterscheidet zwischen Folgen
für die Persönlichkeit, für Beziehungen und für
die Sexualität (II.).
Die Persönlichkeit der Betroffenen kann z. B.
stark von Gefühlen wie Angst, Scham und Schuld beeinflusst
sein. Des Weiteren können Depressionen, gestörtes
Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, selbstschädigendes
Verhalten (Ritzen, Essstörungen, Suizidversuche) und
Suchterkrankungen als Folgen auftreten (III.).
Bei
den Folgen für zwischenmenschliche Beziehungen geht
Ellen Rachut unter anderem auf Kontrolle, Grenzen und Vertrauen
ein (IV.).
Die möglichen sexuellen Probleme
werden durch einige Aussagen von Betroffenen verdeutlicht
(V.).
Die vielen möglichen körperlichen
Folgen, wie z. B. Übelkeit, Schmerzen oder
Hauterkrankungen, können laut Ellen Rachut eng mit den
psychischen Problemen in Zusammenhang stehen (VI.).
Inhalte
4.2 Anmerkungen
zum 1. Teil
Ellen Rachut beschreibt sehr verständlich
die Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch in der
Kindheit und den Folgeerscheinungen im Erwachsenenalter. Die
Darstellungen ihrer eigenen Probleme und Erfahrungen werden zur
Verdeutlichung durch Zitate anderer Überlebender ergänzt.
Sie geht z. B. auf ganz gewöhnliche körperliche
Beschwerden ein, wie sie auch viele Nicht-Betroffene haben. Bei
den Überlebenden steckt allerdings oftmals der sexuelle
Missbrauch als Ursache dahinter. Der Körper dient hier als
Erinnerungsmelder für die – irgendwann –
anstehende Aufarbeitung.
Sie beschreibt die wichtige Rolle
ihres Mannes auf dem Heilungsweg:
Er dient ihr oftmals als
wertvoller Spiegel für die Realität. Der Austausch von
Gedanken hilft ihr, die Wirklichkeit nicht aus den Augen zu
verlieren.
Ellen Rachut bietet Hilfestellungen bzw.
Lösungsansätze an, die auf ihren eigenen Erfahrungen
basieren.
Inhalte
4.3 Teil
2: „Helfen lernen“
Inhalt:
Ellen
Rachut geht zuerst einmal auf Grundsätzliches ein.
Zwei wichtige Aspekte für Überlebende sind die
Eigenverantwortung und die sozialen Kontakte. Die „Helfer“
können sowohl zur Stärkung des Selbstbewusstseins der
Betroffenen beitragen als auch die sozialen Kontakte fördern.
Wenn der Verbündete die Überlebende allerdings
bevormundet oder in die Retter-Rolle schlüpft, dann werden
Fortschritte behindert.
Ellen Rachut geht zudem auf
Übertragung, Gegenübertragung und die Bedeutung des
„An-die-Überlebende-glauben“ ein (I.).
Danach
beschreibt Siegfried Rachut seinen persönlichen Weg
und seine Erkenntnisse als Helfer (S. 85-102). In den 30 Jahren
Ehe und in der anschließenden Therapiezeit ist sein Umgang
mit den Problemen durch Geduld, Akzeptanz und
Verständnis geprägt.
Die Beobachtung
von außen kommt zur Sprache, denn vier Augen sehen
bekanntlich mehr als zwei. Als Verbündeter kann er
Entwicklungen, Veränderungen und Fortschritte sehen, die
seiner Frau nicht immer bewusst sind. Seine emotionale
Unterstützung basiert auf dem Sehen und Annehmen ihres
inneren verletzten Kindes. Er spendet ihr oft Trost, indem er sie
in den Arm nimmt.
Ablenkung und Freude
sollte man als Partner im Auge behalten. Verschnaufpausen und
Kraftquellen sind sowohl für die Überlebende als auch
für den Verbündeten wichtig. Die Ermutigung und
Motivation der Betroffenen zu Freizeitaktivitäten ist
wichtig. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass Ablenkung
und Freude ggf. nur für kurze Zeit möglich sind, weil
die Probleme sich ganz automatisch wieder bemerkbar machen.
Als
Verbündeter kann man gegen ihre Schuldgefühle
arbeiten und zu deren Überwindung beitragen.
Siegfried
Rachut spricht als letzten Punkt die Sexualität an. In
der gemeinsamen Sexualität gab es die größten
Probleme, aus denen sich – gerade am Anfang der Ehe –
Beziehungskrisen entwickelten. Die Akzeptanz der Schwierigkeiten
und die gleichzeitige Hoffnung auf Veränderungen prägten
hier seinen Weg als Helfer. Der Weg zur sexuellen Heilung ist
lang, aber für ihn sind kleine Fortschritte erkennbar
(II.).
Anschließend stellt
Siegfried Rachut kurz seine 12 Grundlagen für
Helfer vor, die dauerhafte Unterstützung ermöglichen.
Demnach ist es z. B. sinnvoll, die eigenen Emotionen
einzuschränken, Distanz zum Missbrauchsgeschehen zu haben,
mitzufühlen statt mitzuleiden und sich vor Überforderung
zu schützen. Zudem ist es sinnvoll, die eigenen Interessen
und die Arbeit nicht zu vernachlässigen, die Therapeutenrolle
abzulehnen, sich Freiräume zu erhalten und sich dem Leben
zuzuwenden.
Ellen Rachut betont hierbei den positiven
Effekt des Grenzensetzens. Der Verbündete wird dadurch
glaubwürdiger, authentischer (III.).
Siegfried
Rachut zählt zum Abschluss seines Beitrages kurz 9 positive
Langzeitwirkungen auf, die er selbst erfahren durfte. Er hat
z. B. viel dazugelernt und damit begonnen, sich seinen eigenen
leidvollen Lebenserfahrungen zuzuwenden. Zudem ist er toleranter,
offener, sensibler und geduldiger geworden.
Ellen Rachut
ergänzt, dass seine Veränderung letztlich zu einer
stärkeren Bindung geführt hat (IV.).
Sie
gibt zum Schluss einen optimistischen Ausblick auf die
Früchte der Aufarbeitung. Das Ziel der Mühen ist ein
neues Leben. Ein Leben, das man selbst in der Hand hat und das
nicht mehr von der Vergangenheit bestimmt wird (V.).
Am
Ende des Buches befinden sich ein paar Texte und Bilder von
Überlebenden und ein Beitrag einer Verbündeten.
Katharina
– eine Helferin – gewährt dem Leser einen kurzen
Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Sie ist Anna
emotional sehr nahe, was allerdings zeitweise sehr schwer
auszuhalten ist. Katharina möchte unbedingt wissen, was in
ihr vorgeht, wo sie steht, was sie fühlt. Die offenbarten
Kindheitserlebnisse bereiten ihr einerseits selbst Schmerzen und
andererseits ermöglicht ihr die große emotionale Nähe
einen ganz besonderen Weg der Begleitung (VI.).
Inhalte
4.4 Anmerkungen
zum 2. Teil
Ellen Rachut spricht klar und verständlich
das an, worauf es ankommt: die Stärkung des Selbsts
(Selbstbewusstsein, Selbstwert, Selbstachtung) der Überlebenden.
Dies ist zum großen Teil die Aufgabe der Überlebenden
selbst, aber alle Verbündeten können dazu einen gewissen
Beitrag leisten – oder im schlechtesten Falle auch
blockierend einwirken.
Das Dilemma des Helfers wird
deutlich: Wie kann man sinnvoll helfen, ohne irgendwelchen Schaden
anzurichten? Der Verbündete steht hier oftmals vor
schwierigen Entscheidungen: Soll er nun „hilfreich“
eingreifen? Dies kann als Einmischung empfunden werden. Soll er
die Überlebende lieber machen lassen, obwohl es „bessere“
Wege gibt? Dies ist sicherlich schwer auszuhalten. Soll er sie zu
etwas ermutigen? Dies kann als Druck aufgefasst werden.
Das
komplizierte Zusammenspiel von Überlebender und Verbündetem
wird anschaulich dargestellt. Große Gefahren, wie das
Helfersyndrom oder Co-Abhängigkeit beim Verbündeten und
die Abhängigkeit bei der Überlebenden, werden
verdeutlicht. Dem Verbündeten stellen sich schwierige
Aufgaben: sich der Übertragungen bewusst sein, diese
verstehen und eine Verstrickung in ihre Probleme vermeiden bzw.
sich sinnvoll abgrenzen.
Siegfried Rachut geht
ebenfalls auf die Zusammenhänge zwischen dem sexuellen
Missbrauch und den Folgen ein. Zu verstehen, wie die Überlebende
empfindet, das ist die Basis für das Helfen.
Seine
Ratschläge sind wichtige und wertvolle Ansätze, um
Co-Abhängigkeit für sich als Verbündeten zu
verhindern.
Die Geduld ist einer der wichtigsten Bausteine
für seine Begleitung.
Er zeigt die Grenzen des Helfens
auf und veranschaulicht die Bedeutung des Humors bei der
Bewältigung von Problemen.
Das Thema Sexualität
ist in der Partnerschaft ein Problembereich, aber kein
Scheidungsgrund. Siegfried Rachuts Geduld und Akzeptanz sind hier
wichtige Faktoren für das Zusammenbleiben.
Inhalte
5. Was
hat mir besonders gefallen?
1. Ellen
und Siegfried Rachuts Zusammenarbeit und Zusammenhalt auf dem
Heilungsweg
2. der
Einblick in die Partnerschaft mit einem betroffenen Menschen –
allgemein und konkret in die Beziehung der Autoren
3. die
tiefe, gewachsene emotionale Verbundenheit, die unerschütterliche
Liebe zwischen den beiden Menschen
Sie
dient als Fundament und Kraftquelle. Die Ehe steht niemals
ernsthaft in Frage – vor allem nicht nach 30 Jahren
gemeinsam zurückgelegten Weges.
4. das
gemeinsame Wachsen an den Herausforderungen, Aufgaben und
Schwierigkeiten
5. Siegfried
Rachuts Weg vom Unwissenden zum erfahrenen Verbündeten und
seine damit verbundene persönliche Weiterentwicklung
6. Siegfried
Rachuts Tipps für Verbündete
Sie
eignen sich allesamt, um dem Helfersyndrom und der Co-Abhängigkeit
vorzubeugen.
7. die
Darstellung der Schnittmenge zwischen „normalen“
Menschen und Überlebenden
Überlebende
sind – auch – ganz normale Menschen mit ganz normalen
Problemen. Allerdings kann bei ihren körperlichen Beschwerden
ein Trauma dahinterstecken, das sich aus dem Unterbewusstsein
meldet.
8. die
sehr kompakte Darlegung der verschiedenen Aspekte
9. die
Aussage von Ellen Rachut, sie sei geheilt
Inhalte
6. Was
hat mir nicht gefallen?
1. das
Ausklammern von Posttraumatischer Belastungsstörung,
Multipler Persönlichkeitsstörung und
Borderline-Persönlichkeitsstörung
Überlebende
mit diesen Diagnosen werden sich bzw. ihre Beschwerden leider nur
teilweise im Buch wiederfinden.
Ich denke, es gibt für
jede Überlebende-Verbündeter-Partnerschaft sowohl
wichtige Schnittmengen mit ganz normalen Partnerschaften als auch
mit sehr schwierigen Partnerschaften bzw. mit Beziehungen zu
Menschen, die unter schweren psychischen Erkrankungen als Folge
des Traumas leiden.
Bei den schwerwiegenden Erkrankungen
sind verschiedene Folgen viel leichter wahrnehmbar bzw. viel
offensichtlicher – wenn auch nicht unbedingt leichter zu
verstehen.
Selbstverständlich ist die Beschränkung
auf einige Folgen des sexuellen Missbrauchs notwendig, um den
kompakten Rahmen nicht zu sprengen und ein leicht lesbares Buch zu
erhalten.
2. das
Fehlen einer ausführlichen Beschreibung der Risiken und
Gefahren
Der
Blick auf die „dunklen Seiten“ bei Überlebenden,
bei Verbündeten und in der Beziehung ist meines Erachtens
ebenfalls wichtig.
Verzweiflung, Trennungsgedanken,
Beziehungskrisen, Verletzungen, Untreue, Aggressionen, Gewalt etc.
können selbst in ganz „normalen“ Beziehungen
auftreten. Die Gefahren in einer bzw. für eine
Überlebende-Verbündeter-Beziehung sind durch die
vielfältigen Belastungen mit Sicherheit um ein Vielfaches
größer.
Auch eine langjährige – fast
lebenslange – Beziehung kann durch die Erinnerung an
sexuellen Missbrauch zerstört werden. Ich vermute, dass viele
Beziehungen tatsächlich in die Brüche gehen. Die Liebe
kann diese Belastung überstehen, aber auch daran zerbrechen.
Für den Leser ist es natürlich wenig motivierend
und kaum aufbauend, wenn er ausführlicher über die
Risiken informiert wird.
Wenn in der Beziehung allerdings
bereits einiges schiefläuft – alle erdenklichen
Ratschläge und Vorsätze nicht gefruchtet haben –,
dann muss dies rechtzeitig erkannt werden, damit ein
Krisen-Management noch möglich ist.
Es ist sehr
wichtig, die positiven Seiten des Lebens, der Beziehung und des
Helfens wahrzunehmen, um auf Dauer mit den Problemen umgehen zu
können. Die „dunklen Seiten“ dürfen dabei
jedoch nicht übersehen werden.
Inhalte
7. Wie
ist das Buch geschrieben?
Beide Autoren schreiben sehr
verständlich. Literaturverweise sind auf das Nötigste
beschränkt. Die Zitate von Betroffenen sind sehr treffend
eingearbeitet. Die Autoren sind recht selbstkritisch: Ellen Rachut
ist sich der kurzen Abhandlungen einiger Themen bewusst und
Siegfried Rachut weist ausdrücklich darauf hin, dass sein Weg
als Helfer ein ganz persönlicher ist.
8. Wie
wirkt es auf Verbündete?
Das Buch kann neue
Einblicke geben, zum Verstehen beitragen und bereits vorhandene
Erkenntnisse und Erfahrungen bestätigen.
Es ist
wertvoll für Verbündete, weil die Partnerschaft sehr
positiv dargestellt wird und der Verbündete ebenfalls
umfangreich zu Wort kommt.
Im Nachhinein macht es
nachdenklich: Ich habe mir die Frage gestellt, ob es wirklich
sinnvoll ist, 30 Jahre geduldig abzuwarten.
Die große
Liebe der beiden Menschen ist zweifellos bewundernswert. Aber es
stellt sich auch die Frage, ob zu viel Rücksicht, Verständnis
und Akzeptanz des (potentiellen) Verbündeten den Start des
Heilungsprozesses auch verzögern können.
Die
30-40 Jahre Verdrängung und die anschließende
jahrelange Therapiezeit können sowohl motivierend als auch
demotivierend auf Verbündete wirken.
Die im Buch
enthaltenen Ratschläge für die Verbündeten sind als
Anregungen zu verstehen. Es steht nicht drin, was man tun muss
oder was man nicht tun darf. Jeder Verbündete muss letztlich
seinen ganz persönlichen Weg finden und sich dafür immer
wieder Anregungen suchen.
9. Wem
würde ich das Buch empfehlen?
Allen Verbündeten
kann es ein Stück weiterhelfen – besonders denen, die
sich in einer ganz ähnlichen Situation wie die Rachuts
befinden.
Potentielle Verbündete, die sich Gedanken
machen, ob die Probleme der Partnerin möglicherweise auf
sexuellen Missbrauch oder ein anderes Trauma zurückzuführen
sind, können wertvolle Anregungen bekommen. Die „30
Jahre“ können diese Partner allerdings auch
erschrecken.
Inhalte
C: Weiterführende
Gedanken und Fragen:
1. Der
Weg der Seele, Psyche
Ellen Rachuts Seele verdrängt
jahrzehntelang die traumatischen Erlebnisse, um ihr erst einmal
ein eingeschränktes Leben zu ermöglichen.
Die
Aufarbeitung wird aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.
Nach
30-40 Jahren des „Funktionierens“ sind allerdings als
„Ergebnis“ optimale Lebensumstände für die
Heilung vorhanden. Solch hervorragende Voraussetzungen haben
Überlebende wahrscheinlich nur sehr selten.
Der
geduldige, verständnisvolle, rücksichtsvolle Ehemann,
die mithelfenden Kinder, eine sehr gute Freundin, sie alle sind
wichtige „Helfer“ auf ihrem Heilungsweg. Sie bilden
ein starkes soziales Netz, welches den tiefen Fall abfedern kann.
Sie bieten ihr den geschützten, gesicherten Rahmen, um zu
gesunden.
Diese „Strategie“ der Seele ist eine
faszinierende und geniale Leistung. Es ist einerseits eine
Erfolgsgeschichte und andererseits auch ein langer und stiller
Leidensweg.
Vergleichbare Wege der Seele sind z. B. das
Abwarten, bis der Täter verstorben ist oder bis die Kinder
groß sind. Die Heilungsarbeit beginnt somit erst dann, wenn
die Voraussetzungen stimmen und genügend Zeit und Kraft zur
Verfügung stehen.
Die Überlebende – ihre
Seele – ist irgendwann so weit, der Welt ihre Verletzungen
zu zeigen bzw. ihrer eigenen Geschichte ins Auge zu blicken.
Das
Leiden, das Verdrängen und das Aufarbeiten bzw. der
unbewusste und bewusste Umgang mit dem Trauma sind sicherlich bei
jeder Überlebenden ganz individuell.
Zeitpunkt des
Endes der Verdrängung:
Die Seele kann auch zum
denkbar ungünstigsten Zeitpunkt – z. B. vor der
Errichtung eines stabilen sozialen Netzes – Erinnerungen
hochkommen lassen. Dies ist wahrscheinlich weit häufiger der
Fall. Für diese Überlebenden ist dann möglicherweise
erst einmal für Jahre oder gar Jahrzehnte Stabilisierung und
Aufarbeitung des Traumas angesagt. Ausbildung, Arbeit,
Partnerschaft, Kinder etc. müssen in diesem Fall eventuell
verschoben werden. Einige Lebensziele sind zu einem späteren
Zeitpunkt vielleicht gar nicht mehr realisierbar.
Eine
jahrzehntelange sehr hohe Funktionalität in verschiedenen
Lebensbereichen (Ausbildung, Arbeit, Ehe, Erziehung etc.) wird für
viele Überlebende mit schweren Erkrankungen, schweren
Behinderungen oder Erwerbsunfähigkeit sicherlich ein
unerfüllbarer Wunschtraum bleiben.
Die Kraft reicht
bei manchen Überlebenden nur für wenige Lebensbereiche
gleichzeitig bzw. gleichermaßen. Es ist dann schier
unmöglich, Beziehungen, Arbeit und Therapie bzw.
Heilungsarbeit parallel zu meistern.
Vermutlich gibt es
auch Überlebende, die solch unglaubliche Stärken
besitzen, dass sie die Missbrauchserlebnisse komplett „wegstecken“
können.
Es ist durchaus möglich, über Jahre
oder Jahrzehnte körperliche Beschwerden zu erdulden oder zu
verdrängen. Den Zusammenhang zwischen körperlichen und
psychischen Problemen herauszufinden, dies kann ein sehr langer
Weg sein.
Vielleicht wünscht sich so manche
Überlebende, dass das Trauma nie aus dem Unterbewusstsein
aufgetaucht wäre, da sie lieber die „Nebenwirkungen“
(z. B. Migräneanfälle) weiterhin – vielleicht ein
Leben lang – ertragen hätte.
Inhalte
2. Die
Geduld
Sie ist in Überlebende-Verbündeter-Beziehungen
ein sehr wichtiger Faktor – vor allem die Geduld des
Verbündeten.
Geduld birgt meiner Meinung nach auch
Gefahren in sich – wenn z. B. geduldig und untätig
abgewartet wird, bis die Selbstheilung einsetzt bzw. wirkt. Die
Zeit kann solch tiefe Wunden nicht heilen, Belastungen
verschwinden nicht einfach irgendwann. Es bleibt ein harter
therapeutischer Weg, um die vielfältigen Folgen des sexuellen
Missbrauchs zu überwinden.
Viel Zeit für die
eigene „Heilungsarbeit“ zu haben bzw. zu bekommen und
sich als Betroffene selbst zuzugestehen, das ist sehr
wichtig.
Die Geduld des Verbündeten:
30
Jahre geduldig warten, keinen Druck ausüben, sexuelle
Probleme in der Partnerschaft hinnehmen, nicht auf eine Therapie
drängen: Ist dies der richtige Weg?
Wahrscheinlich
ist es sowohl für Überlebende als auch für
Verbündete im Nachhinein schwierig, sich zu überlegen,
wie man hätte schneller heilen oder besser helfen können.
Beide Partner gehen den für sie gehbaren, möglichen
Weg.
2 hypothetische Fragen dazu:
Wie wäre
wohl Ellen Rachuts Leben ohne solch einen geduldigen Partner
verlaufen?
Wie hätte sich wohl mehr Druck von Seiten
ihres Ehemannes ausgewirkt?
Vielleicht …
> wären
viel früher Erinnerungen an den Missbrauch hochgekommen.
> hätte
sie viel früher eine Therapie angefangen, ihre Aufarbeitung
gestartet.
> hätten
sich ihre Probleme somit nicht verfestigen können.
Möglicherweise
wäre aber auch als Reaktion auf den Druck von außen
eine noch stärkere Verdrängung aktiviert worden –
gar bis ans Lebensende. Denkbar wäre auch ein Rückzug
bzw. eine Trennung und die nachfolgende Suche nach einem
geduldigeren Partner.
Auf diese beiden in die Vergangenheit
gerichteten Fragen gibt es selbstverständlich keine
Antworten.
Ähnliche Fragen stellen sich aber mit
Sicherheit so manchem Verbündeten und potentiellen
Verbündeten:
Sollte man sanften Druck ausüben,
damit die Überlebende sich an ihre Aufarbeitung bzw. in
Therapie begibt – oder besser nicht?
Für jede
Überlebende und jeden Verbündeten ist es eine große
Herausforderung, die Balance zwischen dem aktiven Kampf gegen die
Schwierigkeiten und der Akzeptanz der Probleme zu
finden.
Fortschritte auf dem Heilungsweg lassen sich wohl
kaum erzwingen – man kann aber auch in der Erstarrung
verharren und notwendige Schritte unterlassen.
Inhalte
Parallelen
zu meinem Weg als Verbündeter:
Siegfried Rachuts
Umgang mit den Problemen und seine Art der Begleitung sind meiner
Vorgehensweise bzw. meiner Strategie zum Teil recht ähnlich.
Ich übe zeitweise einen gewissen Druck aus, um zu
schauen, ob dadurch etwas in Bewegung kommt. Aber letztlich gebe
ich meiner Partnerin die Zeit, die sie zum Stabilisieren, zum
Wachsen und zum Heilen benötigt.
3. Die
Verbündeten-Rolle
Siegfried Rachuts Ausführungen
sind für mich in Ansätzen widersprüchlich –
gerade was die unterschiedlichen Bedürfnisse angeht. Aber
auch beim Verbündeten sind ein gewisses Maß an
Verdrängung und die Konzentration auf positive Aspekte im
Leben und in der Beziehung durchaus verständlich und wichtig.
Der Spagat zwischen Leiden und Nicht-Leiden bzw. zwischen ihren
Bedürfnissen und den eigenen Bedürfnissen, der ist für
jeden Verbündeten eine enorm große Herausforderung. Man
kann mal im Helfen aufgehen, aufblühen und zufrieden sein,
aber auch mal das Helfen satt haben. Ich vermute, dass bei den
meisten Verbündeten beide Gefühlszustände zeitweise
vorhanden sind.
Als Verbündeter kann man eine sehr
hohe Anpassungsleistung vollbringen, sehr viel an Lebenserfahrung
gewinnen und eigene Stärken ausbauen. Der Überlebenden
zu helfen, das kann dem Verbündeten guttun. Allerdings
bleiben dabei möglicherweise eigene Bedürfnisse und
Interessen auf der Strecke.
Überfordert zu werden,
sich selbst zu überfordern, viele negative und leidvolle
Erfahrungen zu machen, dies kann zum Ausbrennen und zur Gefährdung
der eigenen Gesundheit führen. Gewisse Risiken bestehen wohl
zeitweise für jeden Helfer.
Es ist wichtig, sich
zeitweise die Defizite
bzw. Einschränkungen in der Beziehung oder im Leben
bewusstzumachen und die damit verbundenen Gefühle (Frust,
Trauer, Wut etc.) zuzulassen.
Genauso wichtig ist es, die
neuen Möglichkeiten bzw. Ausgleichsmöglichkeiten zu
sehen und Positives wahrzunehmen. Beide Seiten – Licht und
Schatten – gehören zum Gesamtbild dazu.
Inhalte
4. Offene
Frage zum Schluss
Auf der Rückseite des Buches
steht, dass die Rachuts 30 Jahre ein glückliches Paar waren.
Dies deckt sich nicht ganz mit Ellen Rachuts Aussage zu ihren
psychischen und körperlichen Beschwerden und Siegfried
Rachuts Aussage zu den sexuellen Problemen in der Beziehung.
Für
mich stellt sich die Frage, ob die Ehe tatsächlich dauerhaft
als glücklich empfunden wurde oder ob diese Formulierung
etwas unglücklich ausgewählt wurde.
17.09.08
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